Der zweite Lockdown - Erfahrungen aus der Kita am Wald (Castrop-Rauxel)

Gastbeitrag von Alexandra Knoch

Im Dezember musste festgestellt werden, dass der im November 2020 eingeführte sogenannte “Lockdown light” zwar das exponentielle Wachstum der Coronainfiziertenzahlen vorübergehend stoppen konnte, die Anzahl der an Corona Infizierten dennoch sehr hoch blieb, die Anzahl der an Corona Verstorbenen nach wie vor stark anstieg und Krankenhäuser und Gesundheitsämter überfordert waren. Insofern musste von Seiten der Politik nachjustiert werden, um das Pandemiegeschehen in Deutschland in den Griff bekommen zu können. Anders als bei vorangegangenen Ministerpräsidentenkonferenzen, war zu diesem Zeitpunkt unklar, wie Bund und Länder sich entscheiden würden. Es gab unter den Ministerpräsidenten der einzelnen Bundesländer kontroverse Ansichten, unter anderem, was den Umgang mit Schulen und Kitas anbetraf. Für das Land NRW wurde unter anderem entschieden, dass Kitas grundsätzlich geöffnet bleiben sollten. Es wurde jedoch an die Eltern appelliert eine Betreuung durch Kindertagesstätten nur dann in Anspruch zu nehmen, wenn diese zwingend notwendig sei.

Überforderung bei allen Beteiligten
Wir, als Mitarbeiter*innen der Elterninitiativeinrichtung “Kita am Wald” in NRW, erhielten diese Mitteilung im Laufe des 11.12.2020. Für die kommenden 1,5 Wochen bis zu Beginn unserer Weihnachtsferien hatten wir gruppeninterne und coronakonforme Weihnachtsfeiern mit den Kindern geplant. Es sollten noch Videos erstellt werden, in denen die Kinder ein Lied sangen oder ein Stück aufführten, die den Eltern über unseren Blog bereitgestellt werden sollten - als Alternative zu einer gemeinsamen Weihnachtsfeier von Eltern, Kindern und Erzieher*innen, wie wir sie sonst zur Weihnachtszeit angeboten hätten. Bereits diese Planungen erforderten von uns ein hohes Maß an Geduld, Umdenken und Organisation. Einerseits war es uns wichtig, die Gesundheit der Kinder, Familien und von uns Mitarbeiter*innen bestmöglich zu schützen. Andererseits wollten wir den Kindern die Möglichkeit geben, eine schöne Vorweihnachtszeit in der Kita zu erleben, die so normal wie möglich sein sollte. Alle Planungen wurden mit dem Beschluss von Bund und Ländern gekippt. Wie bereits im März 2020 verabschiedeten wir die Kinder und Familien zunächst in das Wochenende, ohne zu wissen, wann wir uns wieder treffen würden und ohne uns von den Familien verabschiedet zu haben.

Jede Menge Arbeit wartete auf uns
Bereits nach Dienstende informierte uns unsere Leitung in Gänze über die Beschlüsse und berichtete uns von laufenden Diskussionen mit dem Vorstand unserer Kita. Auf allen Seiten war eine große Unsicherheit, aber auch Resignation zu spüren. Alle Pläne und Verabredungen der letzten beiden Wochen wurden über den Haufen geworfen und mussten neu und unter ganz anderen Voraussetzungen `umgebaut´ werden. Auf der anderen Seite hatten die Mitarbeiter*innen nach wie vor keine Ahnung, inwiefern sie - und in Hinblick auf Weihnachten auch ihre Familien - die Möglichkeit hätten, sich vor einer Ansteckung mit Corona zu schützen. Bis in den Abend hinein versuchten wir die ersten Schritte der kommenden Kitawoche zu planen. Auch am Samstag und Sonntag diskutierten wir mehrmals über WhatsApp, Telefon oder Zoom. Einige Eltern äußerten den Wunsch, die geplanten Weihnachtsfeiern in den einzelnen Gruppen vorzuziehen und den Lockdown, soweit er die Kitakinder betraf und den damit einhergehenden Abschied von Freunden und Erzieher*innen zu thematisieren. Daran arbeiteten die Mitarbeiter*innen an diesem Wochenende mehrere Stunden. Unsere Kitaleitung hatte darüber hinaus noch viel mehr Arbeit: Sie besprach sich nicht nur mit dem Vorstand und den Mitarbeiter*innen, sondern informierte alle Eltern über die Beschlüsse und appellierte im Namen aller Angestellten ebenfalls an die Eltern, eine Betreuung nur dann in Anspruch zu nehmen, wenn sie absolut von Nöten sei. Sie beantwortete sowohl am Samstag als auch am Sonntag die Fragen aller Eltern, nahm Bitten und Anregungen der Eltern auf und unterstützte die Familien und Mitarbeiter*innen bei Unsicherheiten. Gleichzeitig sorgte sie dafür, dass sie ständig auf dem neuesten Informationsstand mit dem Umgang mit Corona in Kindertagesstätten war. Bis Sonntagabend hatte sie einen kompletten Betreuungsplan für die kommende Woche erstellt und mit allen Eltern, Mitarbeiter*innen und Vorstandmitgliedern abgesprochen. Die Erzieher*innen hatten eine vorgezogene Weihnachtsfeier, inklusive dem Drehen der Blogvideos, einer kleinen Feier zu einem 3. Geburtstag und dem Öffnen der restlichen ‘Zaubernüsse’ (dem Adventskalender) organisiert. Außerdem wollten wir das Thema ‘Lockdown’ spielerisch und in eine Geschichte eingebettet aufgreifen, den Kindern ein Weihnachtsgeschenk machen und den Abschied von den Kindern ‘feiern’, die vorerst nicht mehr in die Kita kämen. Unser Koch hatte mit seinen Küchenkräften alles in die Wege geleitet, um das in unserer Kita traditionelle Weihnachtsmenü schon am Montag auf den Tisch zu bringen.

Ein ‘bittersüßer’ letzter Tag für die Kinder
Um alles unter Dach und Fach zu bekommen, hatten wir einen sehr detaillierten Zeitplan erstellt, damit keines der Kinder auf etwas verzichten musste. Dieser sah so aus:
07.30 Uhr: Geburtstagskrone basteln
08:00 Uhr: Ein kleines Frühstück anbieten
08.55 Uhr: Frühstückstisch abräumen, Tische für weiteren Verlauf weihnachtlich dekorieren und für alle Kinder decken
09:00 Uhr: Geburtstagsstuhlkreis und Tagesablauf ‘mit vielen Überraschungen’ erläutern, Geburtstagskuchen im Stuhlkreis
09:40 Uhr: Weihnachtslied singen, an die Tische setzen mit Schokocroissants und Kakao, weihnachtliche Geschichte
10:00 Uhr: Freispiel, Lied für Blogvideo mit den Kindern singen und aufnehmen, Tanzvideo mit Kindern aufnehmen
10.45 Uhr: Geschichte vom Bären, der auch in schweren Zeiten alles schaffen kann, ‘Teebeutelrakete’ und Auspacken der Kindergeschenke (Plüscheisbären)
11:00 Uhr: Wickelkinder sauber machen
11:15 Uhr: Suchen und Öffnen der letzten Zaubernüsse (Adventskalender)
11:45 Uhr: Mittagessen ‘Weihnachtsmenü’ (Putenbrust, Klöße, Rotkohl)
12:30 Uhr: Schlafkinder hinlegen / Freispiel
13:30 Uhr: zwei weihnachtliche Entspannungsgeschichten im Turnraum/ Freispiel
14.10 Uhr: Weihnachtssingen
14:30 Uhr: Lebkuchen-Schmaus
15:00 Uhr: Abholung der 35-Stunden-Kinder
15.45 Uhr: Abholung der 45-Stunden-Kinder

Obwohl dieser Tag sehr stressig und überschattet von dem Abschied für längere Zeit war, hat er den Kindern sehr gefallen und sie hatten Spaß an den vielen Überraschungen und Aktionen. Besonders den älteren Kindern (ab ca. 4 Jahren) fiel dann der Abschied von Freund*innen und Erzieher*innen aber schon merklich schwer. Einige Kinder brauchten beim Abschied nochmal mehr körperliche Zuneigung von ihren Erzieher*innen und dem*r besten Freund*in. Dem Weihnachtsgeschenk (einem Eisbären aus Plüsch) lag eine Notiz von den Erzieher*innen bei, die von den Kindern deutlich mehr behütet wurde, als andere Notizen in der Vergangenheit und einige Kinder äußerten auch deutlich, dass sie die Kita vermissen würden. Der geschenkte Eisbär und der schöne Tag machte es ihnen hoffentlich ein bisschen leichter. Von Dienstag, dem 15.12.2020, bis Freitag, dem 18.12.2020, betreuten wir nur noch 20 von insgesamt 55 Kindern. Am 21. und 22.12.2020 blieb die Kita geschlossen.

Reaktionen der Eltern
Genau wie bei vorangegangen Einschränkungen in unserer Kita zeigten sich die Eltern in höchstem Maße kooperativ und verständnisvoll. Eltern, die zuhause betreuen konnten, meldeten in den allermeisten Fällen ihre Kinder direkt bis zum 10.01.2021 von der Kitabetreuung ab (zum Beispiel Eltern mit Baby zuhause, Wechselschicht der Eltern, mindestens ein Elternteil geht keiner bezahlten Beschäftigung nach, Eltern müssen älteres Geschwisterkind zuhause betreuen, Eltern arbeiten im Homeoffice). In Ausnahmefällen, wie einem Arzt- oder Behördentermin wurde unsere Leitung von den Eltern kontaktiert und die Eltern brachten ihr Kind für wenige Stunden in die Betreuung. In den Fällen, in denen die Kinder in die Kita kamen, sind beide Eltern vollzeitberufstätig.

Obwohl wir durch die Vorgaben des Landes immer wieder die Betreuung einschränken mussten und wir damit letzten Endes immer wieder spontan Enormes von den Familien verlangten, dankten uns sehr viele Eltern zu Weihnachten und zum Jahresende noch einmal für unseren Einsatz und unser Engagement für ihre Kinder und Familien. Es ist schön zu sehen, dass auf beiden Seiten wahrgenommen wird, dass sich immer wieder und gemeinsam ins Zeug gelegt werden muss, um sich und andere vor einer Ansteckung mit Corona zu schützen. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erzieher*innen ist momentan mehr denn je ein wichtiger Faktor. Beide Seiten müssen darauf zählen können, dass im Sinne unser aller Gesundheit gehandelt wird, damit wir durch die schweren Zeiten kommen.

Neuer Gipfel - Wie geht‘s weiter?
Während ich diesen Beitrag schreibe läuft die aktuelle Konferenz mit der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten. Ein Gespräch mit ratgebenden Wissenschaftlern führte Frau Merkel bereits vor diesem Gipfeltreffen. Bisher ist bekannt, dass der Lockdown mindestens bis zum 31.01.2021 fortgeführt werden soll und es in Corona-Hotspots vermutlich zu einer ‘Bewegungsbeschränkung’ kommen soll. Wie mit Kitas und Schulen in den kommenden Wochen verfahren werden soll, ist laut der Presse ein großer Streitpunkt zwischen den Ministerpräsidenten einzelner Länder und der Bundeskanzlerin. Dieses Mal haben wir die Betreuung in unserer Kita nur für die laufende Woche geplant, alles andere erschien uns zu unsicher und weit hergeholt. Ich bin aber sicher, dass wir auch neu angeordneten Einschränkungen und Lockerungen kompetent entgegentreten können, solange wir nur gesund bleiben und ein gemeinsames Ziel verfolgen.

Weitere Informationen und Links: Foto (Alexandra Knoch) - Hier finden sie die Kita am Wald in Castrop-Rauxel im Netz und hier eine Übersicht über alle Blogbeiträge zur Kita am Wald.

 


Themen: Berichte aus der Praxis, Kita am Wald e.V., Neues aus der Kita-Szene

Kontakt

Michael Schrader

pragma GmbH

Schwerinstr. 44
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